EUCREA
 
 
SIND WIR SOWEIT? 
EUCREA SUMMIT IM SPRENGEL MUSEUM HANNOVER
 
 
MIT ABSTAND DAS BESTE
 
 
 
Ende September fand im Sprengel Museum Hannover der EUCREA-Summit „Sind wir soweit? - Inklusive Kooperationen im Kulturbetrieb" statt. Coronabedingt durften nur 112 Personen live teilnehmen. Die Veranstaltung wurde hybrid durchgeführt – aufgeteilt auf zwei Säle des Museums sowie im Lifestream ins Internet übertragen. Mit der Durchführung wollten wir ein sichtbares 
Zeichen setzen: Das die Arbeit weitergeht und die Themen, die EUCREA 
bearbeitet auch in Zeiten der Coronapandemie nicht an Relevanz verlieren. 
Um Parallelgesellschaften durchlässiger zu machen und Sinn für Gemeinschaft und Vielfalt zu schaffen, bedarf es gezielter Aktivitäten. Wie viele 
Erlebnisse, Verbindungen und Methoden in nur 1,5 Jahren durch das Programm CONNECT – Kunst im Prozess, das in den Bundesländern Sachsen, Niedersachsen und Hamburg stattfindet, erzielt werden konnten, wurde auf diesem Summit eindrucksvoll dargestellt. So ist dieser Newsletter auch ein Pläydoyer in eigener Sache.
Die Corona-Pandemie ist letzlich auch eine Chance, mehr gesellschaftlichen 
Zusammenhalt erreichen und von langjährig zugeschriebenen Kategorisierungen Abstand zu nehmen. Kunst und Kultur sind hier besondere Instrumente, um solche Entwicklungen voranzutreiben – nutzen wir sie!
 
In diesem Sinne wünschen wir viel Inspiration beim Lesen, 
Schauen und Zuhören.
 
 
 
55 STIMMEN
 
 
 
Fünfundfünfzig Referentinnen und Referenten berichteten auf dem Summit in 
Hannover von ihren Kooperationserfahrungen. Fast zwei Drittel aller geladenen Projektbeteiligten mit Behinderung durften an der Veranstaltung nicht teilnehmen – die zuständigen Wohn- und Arbeitseinrichtungen untersagten ihnen wegen der Coronapandemie das Reisen und die Teilnahme. Dass hier deutlich in die Persönlichkeitsrechte von Menschen mit Behinderung eingegriffen wird – und zwar weit mehr, als dies bei Menschen ohne Behinderung der Fall ist – hat EUCREA auf der Veranstaltung öffentlich kritisiert.
 
Trotz erschwerter Bedingungen ist es den anwesenden Akteuren gelungen,
stellvertrentend für die Nichtanwesenden beeindruckende Ergebnisse zu 
präsentieren. Aufgezeigt wurden vielfältigste Wege, wie künstlerische Kooperationen in ganz unterschiedlichen Kultureinrichtungen mit ebenso unterschiedlichen Menschen gelingen können. Visionen und Forderungen an eine zukünftige Kultur- und Gesellschaftspolitik wurden formuliert und dargestellt, was passieren muss, um mehr Inklusion im Kulturbetrieb erreichen zu können. 
Für alle, die nicht dabei sein konnten und sich nicht 14 Stunden Live-Stream anschauen möchten, haben wir verschiedene Stimmen in einem kurzen Beitrag zusammengefasst.
 
 
 
 
 
ÜBER PFLANZEN UND MENSCHEN
 
 
 
„Die Erzherzogin mit der Hasenscharte“ betitelte die Münchner Künstlerin Katrin Bittl ihren Beitrag auf dem Summit in Hannover. Sie hat das Thema Behinderung, sich und ihren Körper im Verhältnis zu ihrer Umwelt zum Thema ihrer Kunst 
gemacht. Kunsthistorische Darstellungen von Idealbildern übermalt sie und stört den gewohnten Anblick, indem sie Ikonen eine sichtbare Behinderung verpasst. Pflanzen begreift sie als vom Menschen pflegebedürftige Wesen und inszeniert ihren eigene Körper mit diesen. „Behinderung“ sagt sie „ist nur eine Vorstellung."
 
 
 
 
 
DIE WIRKLICHKEIT NICHT IN RUHE LASSEN
 
 
 
Als erstes deutsches Theater wenden sich die Münchner Kammerspiele unter der Leitung von Barbara Mundel konsequent dem Thema Inklusion zu. Auf dem 
EUCREA-Summit in Hannover berichten Barbara Mundel und Lucy Wilke über ihre Arbeit und formulieren ihre konkreten Wünsche an die Zukunft. 
 
 
Was möglich ist, wird mit Beginn der neuen Spielzeit eindrucksvoll präsentiert: Mit "Ich bin's Frank“ starten die Münchner Kammerspiele in die neue Spielzeit. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht Julia Häusermann, Gastkünstlerin aus dem 
Züricher Theater Hora. Bei der Arbeit nennt sich Julia Häusermann Frank, nach Frank Levinsky aus der Serie „Verbotene Liebe“. Aber sie ist weit mehr als Frank und weit mehr als Julia. Sie ist ein Medium, eine Performerin, die sich in Gespenster, Popikonen, Telenovela-Figuren, Maschinen und Entertainer verwandelt. Die Süddeutsche Zeitung kommentiert  „Sie ist ein Star und sie hat Trisomie 21 – Julia Häusermann verzaubert“.
 
 
 
 
 
 
INKLUSION IM KULTURBETRIEB FÖRDERN
 
 
 
 
Was können Kulturpolitik, Kulturverwaltungen und Förderer tun, um Inklusion in der Kunst zu fördern? Die Referentin für Inklusion in der Behörde für Kultur und 
Medien Hamburg, Munise Demirel, stellte auf dem EUCREA-Summit in Hannover die Förderpolitik der British Council in London vor.
 
 
„Das Arbeitsfeld Inklusion wird in den Kulturämtern immer noch wie Brandschutzmaßnahmen behandelt - in dem Tenor 'muss man halt machen‘, so Demirel und "wenn ich in 15 Jahren in Rente gehe, wünsche ich mir, dass mein eigenes Amt abgeschafft und alle Budgetverantwortlichen das Thema selbstverständlich mitdenken. Bis dahin Bedarf es alledings dieser Stellschrauben, wie die EUCREA-Programme welche sind.“ In ihrem Abschlußstatement zeigt sie auf, welche Schritte innerhalb der Kulturverwaltung notwendig sind, um Inklusion im Kulturbetrienachhaltig umzusetzen.
 
FILM: Abschlusstatement von Munise Demirel (Deutsche Gebärdensprache)
 
Angela Müller-Giannetti, Projektleiterin bei EUCREA e.V., stellt in diesem 
Zusammenhang das Expose von EUCREA „Diversität im Kunst- und Kulturbetrieb in Deutschland: Künstler*innen mit Behinderung sichtbar machen" von 2018 vor, das eine umfassende Strukturveränderung zugunsten von mehr Diversität im 
Kulturbetrieb fordert und zu bearbeitende Handlungsfelder aufzeigt. EUCREA 
fordert mit diesem Papier Förderpartner und Kulturverantwortliche in Deutschland auf, umfassende Maßnahmen zu ergreifen, um eine tiefgreifende System-
veränderung zu bewirken und an der Auflösung paralleler Gesellschaftsstrukturen aktiv zu arbeiten. Auch fordert sie die aktuellen Akteure zu mehr 
Schulterschluss auf.
 
(Deutsche Gebärdensprache)
 
 
EUCREA Logo und Logo der Freien und Hansestadt Hamburg